Unser Tag beginnt an einem Freitag zwischen den Feiertagen im lebendigen Chaos des Shuk Machane Yehuda. Wer das Gedränge nicht mag, sollte jedoch freitags besser einen Bogen um den Markt machen. Die engen Gassen sind von Menschen überfüllt. Berge aus frischem Obst und Gemüse locken, sowie ein vielfältiges Angebot an Gewürzen, Gebäck, Tee, frisch gemahlenem Kaffee, Halva und lecker riechenden exotischen Speisen. Ausserdem schiessen in den letzten Jahren hippe Bars wie Pilze aus dem Boden. Sie laden ein, bei einem Getränk und feinen Häppchen das Wochenende einzuläuten und das Treiben zu beobachten. Hier trifft die ganze Bandweite Jerusalems aufeinander: säkulare Geniesser, religiöse Juden beim Schabbat-Einkauf, arabische Verkäufer, junge Trendsetter.
Nachdem wir einige Runden durch das Getümmel gedreht haben, verstauen wir unsere Einkäufe im Auto und spazieren in Richtung Altstadt.
Nach einem kleinen Imbiss und einer Zickzack-Tour durch das Quartier wagen wir uns noch einmal in Richtung Altstadt.
Ein bekannter Rabbi trifft zum Gebet ein. Hier ist es nicht das rhythmische Aufschlagen wertvoller Bischofsstäbe, das die Aufmerksamkeit auf sich zieht, sondern eine schwarze Limousine, die über den ansonsten verkehrsfreien Platz gefahren und sofort von einer Menschentraube umringt wird. Ein kleines, gebücktes Männchen entsteigt dem Auto und verschwindet, in einen Gebetsschal gehüllt und begleitet von zahlreichen Männern in schwarzen Anzügen und weissen Hemden, in der Synagoge.
Sämtliche Frauen auf dem Platz tragen lange Kleider oder Röcke, die sephardischen Männer schwarze Anzüge und Hüte oder einfache Kippot. Die aschkenasischen Orthodoxen hingegen tragen schwarze Kaftane, Kniestrümpfe und die charakteristischen Shtreimel-Hüte aus Pelz.
Der redselige Taxifahrer winkt pragmatisch ab, als wir uns über die extreme ethnische und religiöse Vielfalt äussern. „Wir Jerusalemer sind das gewohnt“, meint er. „Jeder kennt seinen Platz, und so funktioniert das Zusammenleben.“
Und doch – im historischen Vergleich ist die heutige Koexistenz bemerkenswert friedlich, trotz aller Spannungen.
Das war nicht immer so. In einer konfliktreichen Geschichte wechselte die Vorherrschaft über Jerusalem immer wieder zwischen den Religionen ab, wobei die anderen Religionen ebenso abwechselnd manchmal geduldet, manchmal unterdrückt und manchmal vertrieben wurden. Nachdem die UNO 1947 die Teilung des britischen Mandatsgebietes in einen jüdischen und einen palästinensischen Staat beschlossen hatte, verhinderte das Königreich Transjordanien den palästinensischen Staat, in dem es sich 1948 das Westjordanland und Ost-Jerusalem gewaltsam einverleibte und bis 1967 besetzt hielt. Die Jordanier vertrieben die jüdische Bevölkerung, zerstörten alle Synagogen und verboten den Juden den Zugang zu ihren heiligen Stätten. Neunzehn Jahre lang gab es keinerlei jüdische Präsenz in der Altstadt. Auch Christen litten unter wirtschaftlichen und politischen Einschränkungen. Erst nach dem Sechstagekrieg erhielten 1967, unter der Verwaltung Israels, alle Religionen wieder Zugang zu ihren heiligen Orten.
Seither verwaltet Israel die Altstadt politisch, während die religiöse Verwaltung der wichtigsten muslimischen Stätten bei jordanischen Behörden liegt.
Jerusalem polarisiert. Es ist chaotisch, widersprüchlich, unruhig, voller Spannungen. Mystik und Spiritualität sprechen hier aus jedem Stein und sind zugleich gelebter Alltag. Jerusalem ist zweifellos ein ewiges Pulverfass. Mich persönlich fasziniert diese Stadt der Extreme immer wieder aufs Neue.