Spuren im Sand

Zwölf obligatorische Schuljahre sind abgeschlossen. Auch die Jahre bei den Pfadfindern, in welchen meine Tochter seit der dritten Klasse mit den Kindern unseres Dorfes enge Freundschaften schliessen konnte, sind für ihren Jahrgang nun zu Ende. Aber während meine älteren Kinder zu dieser Zeit wochenlang mit Vorbereitungen für die grosse Schulabschlussfeier und für das letzte Pfadfinderlager beschäftigt waren, verläuft dieses Jahr alles sang- und klanglos und ohne Abschluss. Wie Spuren im Sand: vom Winde verweht, als wäre alles nie dagewesen. Keine aufwändige Feier in der Schule mit Schülern, Eltern und Lehrpersonal. Keine feierliche Zeugnisübergabe. Keine aufregende Promfeier, für welche die Jugendlichen in anderen Jahren für einen kurzen grandiosen Auftritt viel Geld für übertriebene Roben, Schminke und Frisuren ausgeben. Das letzte Pfadfinderlager, in welchem die Kinder mit der Tradition gewordenen „Tränen-Parade“ von ihren Kollegen Abschied nehmen, fällt ins Wasser. Sogar die bescheidenere Alternative, sich für einige Tage im örtlichen Jugendzentrum zu treffen, wird abgesagt. Einige der Kinder haben sich mit dem Virus angesteckt, Viele sind in Quarantäne. Die Pläne für eine Reise mit Freundinnen nach Spanien sind endgültig begraben. Genauso wie die Feier des gesamten Dorfes, in welcher in „normalen“ Jahren der Schulabschluss und die Aufnahme ins Militär der Jugendlichen eines jeden Jahrgangs zelebriert werden. Der grosse Rucksack, den die Jugendlichen jeweils vom Gemeindepräsidenten in einer aufregenden Zeremonie überreicht bekommen, lag gestern plötzlich einfach im Hauseingang. Ich habe keine Ahnung wie er dahin gekommen ist, so still, leise und unbemerkt und es berührt mich traurig, dass er ohne die Zeremonie nichts weiter als ein lumpiges, unscheinbares und billiges Stück Stoff ist.
Viele Jugendliche unserer Schule machen vor dem obligatorischen Militärdienst in verschiedenen Ämtern ein Freiwilligenjahr, aber all diese Initiativen sind jetzt in Gefahr. Einige Freundinnen sollten als Delegierte der jüdischen Agentur für ein Jahr in die USA oder nach Südamerika abgsandt werden. Ob sie jetzt noch in diese Corona-Hotspots reisen können oder wollen? Etwa die Hälfte der Pfadfinderabgänger aus unserem Dorf haben sich verpflichtet, freiwillig ein Jahr für diese Jugendorganisation zu arbeiten. Aber sogar das könnte nun auf Eis gelegt werden, denn der Staat droht die finanzielle Unterstützung der Pfadfinderbewegung im kommenden Jahr einzustellen. Jetzt muss überall gespart werden und eine Organisation zu unterstützen in welcher Corona-bedingt kaum Aktivitäten stattfinden, scheint sinnlos.

Was empfinden Jugendliche, die nun gezwungenermassen in dieser unsicheren Zeit zu Hause herumhängen? Wie blicken sie in die Zukunft, wenn die Gegenwart nur aus Enttäuschungen, Angst und Ungewissheit besteht?

Nur etwas rückt unwiederruflich näher: der Einberufungsbefehl der Armee. Aber als wäre mit allen Enttäuschungen nicht genug, empfindet Lianne die Funktion, welche das Militär für sie vorgesehen hat, als Riesendämpfer. Sie fühlt sich völlig verkannt, das Amt entspricht weder ihrem Charakter noch ihren Fähigkeiten. Die zweijährige Militärpflicht ist an sich schon eine recht bedrohliche Herausforderung, wenn diese dann noch mit einer unpassenden Funktion einhergeht, sind das recht betrübliche Aussichten für den Verpflichteten. Auch das Datum – schon Anfang August, nur zwei Wochen nach der letzten Abschlussprüfung – kommt für sie viel zu schnell. Sie wollte doch noch wenigstens ein bisschen Freiheit von einschränkenden Institutionen schnuppern, nachdem sie sich nach zwölf Jahren Schule gleich in eine weitere Einrichtung ohne freie Entfaltungsmöglichkeit wird schicken müssen. Viele Tränen fliessen bei uns in diesen Wochen. Auch ich weiss schon bald nicht mehr, wo ich die Kraft hernehmen soll, meine Kinder in dieser unheilvollen Zeit aufzumuntern. Lianne ertrinkt in Selbstmitleid. Und ich mit ihr, weil ich als Mutter immer noch mit meinen Babies mitleide, wobei es keine Rolle spielt, dass das Baby schon achtzehn Jahre alt ist. Aber dann erinnere ich mich meiner Rolle als verantwortlicher Erwachsener und versuche sie zu motivieren. Ich erzähle ihr, dass auch in meinem Leben nicht immer alles so verlaufen ist, wie ich es mir vorgestellt oder gewünscht hätte, dass aber hinterher immer Alles sein Gutes hatte. Auch aus den unwillkommensten Schicksalsschlägen haben sich rückblickend erfreuliche Dinge entwickelt oder wenigstens wichtige Lektionen ziehen lassen. Wenn eine Türe zugeht, ist noch immer irgendwo eine andere aufgegangen, das habe ich immer wieder selbst erfahren. Lianne ist immer noch eher frustriert als überzeugt aber sie ahnt, dass sie im Moment an der unpassenden Einteilung wohl kaum etwas ändern kann.

Auf ein Ziel will sie aber auf keinen Fall verzichten: Noch vor dem Militärdienst möchte sie unbedingt ihre Augen lasern lassen. Dazu muss das Einrückdatum verschoben werden. Starke Kurzsichtigkeit ist eine echte Belastung im Alltag, vor allem wenn man im Dienst bei Feldbedingungen in nur fünf Minuten aus dem Schlaf fertig angezogen Parade stehen soll. Da bleibt für Kontaklinsen-Kram keine Zeit.

Aber das Militär, dieses undurchdringliche und träge System, hat für die Problemchen eines kleinen Mädchens kein Gehör. Lianne schreibt täglich Anträge und bittet um Verschiebung des Datums. Per Mail, WhatsApp und am Telefon legt sie ihre Bitte unzählige Male dar. Sie schreibt, dass sie wegen ihrer Kurzsichtigkeit eingeschränkt ist, dass sie Ende August einen Termin für die Laserbehandlung hat und dass die Erholung im Fall ihrer komplizierteren Operation bis zu einem Monat dauern kann. Doch im israelischen Militär scheint man andere Sorgen zu haben. An der zuständigen Stelle antwortet kaum jemand oder nur nach langer zermürbender Warterei. Wenn doch einmal jemand abnimmt, ist es meist eine Soldatin, deren Aufgabenbereich darauf begrenzt zu sein scheint, den Telefonhörer in der Hand zu halten. Niemand weiss etwas, niemand kennt jemanden, niemand kann jemanden erreichen, niemand kann helfen. Das unverrückbare Datum kommt drohend und unaufhaltsam näher. Dann trifft eine überraschende und unlogische Nachricht vom zuständigen Amt ein: „Malschabit jekara (Anrede für eine für den Sicherheitsdienst vorgesehene Frau), deine Bitte auf Änderung des Anforderungsprofils wird abgelehnt, dein Eintrittsdatum bleibt unverändert 6. August.“ Als Lianne anruft und nach nervenaufreibenden langen Minuten endlich jemanden am Telefon hat, stellt sich heraus, dass ihr Gesuch wohl aufgrund einer Verwechslung mit der Bitte einer anderen Soldatin abgelehnt worden ist. Lianne ist einem Nervenzusammenbruch nahe. In Tränen aufgelöst sieht sie sich schon wegen Dienstverweigerung als letzte Möglichkeit im Militärgefängnis.

Beim Militär irgendeinen Wunsch oder eine Änderung bewilligt zu bekommen, grenzt ans Unmögliche, es sei denn, man kennt eine Person an der entscheidenden Dienststelle. Da sich aber das ganze Personal in ständiger Rotation befindet, findet man eher eine Nadel im Heuhaufen als jemanden, der zur richtigen Zeit im richtigen Amt ist. Doch dann kommt Lianne freudig erregt von einem Pfaditreffen nach Hause: einer der Kollegen vom älteren Jahrgang, der gerade seinen Dienst absolviert, kennt einen Offizier aus dem Nachbarsdorf, der helfen könnte. Über mehrere Mittelmänner wird die vielversprechende Telefonnummer in Erfahrung gebracht, dann erklärt sie dem Offizier Ran ihr Anliegen.

„Wie wär’s mit Ende November?“, kommt dieser direkt zur Sache.
„Ja super!“ antwortet Lianne, nicht sicher ob sich der junge Mann einen Spass auf ihre Kosten erlaubt.
Und dann, als wäre es das Natürlichste der Welt, trifft schon am nächsten Morgen die Nachricht ein: „Malschabit jekara, dein Dienstdatum ist auf den 25. November verschoben worden.“ Immerhin ein Lichtblick! Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass sich die Zeiten bis dann etwas normalisieren.

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