Unfall am Kinafluss

Empfangskomitee in der Wüste

Unter der Woche sind Eyal und ich oft rund um die Uhr viel zu beschäftigt, deshalb gehen wir die Wochenenden gerne etwas gemütlicher an. Wir tun möglichst einfach NICHTS und es kann schon vorkommen, dass sich die Kinder wundern, wieviele Stunden wir müssig auf dem Sofa ausharren, während sie kommen und gehen. Nur ab und zu, wenn ich mich selbst vor Langeweile nicht mehr riechen kann, treffen wir uns mit Freunden, gehen ins Kino oder unternehmen einen Ausflug oder eine Wanderung.

Hier lächelt Eyal noch nichtsahnend in die Kamera, während
der Gestürzte im Hintergrund schon am Boden liegt
Wie aufregend die Wanderung am Wochenende werden würde, das konnten wir nicht ahnen, als wir der Einladung von einigen wanderfreudigen Bekannten zusagten. Unser Ziel war eine Rundwanderung in der Judäa-Wüste. Die Route verläuft im trockenen Flussbett des Kinaflusses und steigt schon im ersten Drittel in eine schmale Schlucht hinab, in welche der Fluss – in der kurzen Zeit des Jahres, in welcher er Wasser führt – über eine schroffe Felswand stürzt. Als wir am am oberen Teil der Felswand eintrafen, war kurz vor uns schon eine grössere Wandergruppe dort angekommen und mir fiel auf, dass unter den herumstehenden Wanderern eine seltsame Unruhe herrschte und mehrere der Leiter aufgeregt in ihre Funkgeräte sprachen. Wir hielten uns aber nur sehr kurz auf, um die spektakuläre Schlucht im Hintergrund zu fotografieren. Dann begannen wir den Abstieg in die Schlucht. Nach wenigen Minuten hatten wir das untere Becken des Wasserfalles erreicht, in welchem sich auch in der trockenen Jahreszeit immer Wasser befindet. Aus einem erfrischenden Bad wurde aber nichts, denn bald entdeckten wir mit Grauen, dass am Rande des Beckens ein schwer verletzter Wanderer lag, der am ganzen Körper zitterte und lautstark stöhnte. Nach einem kurzen Wortwechsel mit anderen Wanderern kapierten wir schockiert das Unfassbare: der Mann, der zu der Gruppe gehörte, die wir eben überholt hatten, war offensichtlich wenige Minuten vorher die ganze etwa zwanzig Meter hohe Felswand hinuntergestürzt. Er hatte Glück im Unglück und war unten im Wasserbecken gelandet. Jemand hatte ihn herausgefischt und einige Herbeigeeilte leisteten erste Hilfe.

Wir entfernten uns und legten an einem der nächsten kleinen Wasserbecken eine Pause ein, versuchten uns von dem Schock zu erholen, kochten Kaffee und rätselten, wie der Verletzte wohl aus der Schlucht transportiert werden würde. Zu uns gesellten sich weitere Wanderer und eine Familie mit drei kleineren Kindern und einem Hund, die allesamt badeten.

Wasserbecken laden zum Baden ein
Bald sahen wir Rettungsleute in leuchtendorangen Shirts und grossen Rucksäcken emsig die Schlucht hinunterklettern. Wenige Minuten später tauchte auch schon die Ambulanz in Form eines grossen Rettungshelikopters über unseren Köpfen am Rande der Schlucht auf. Wenn wir aber bis vor Kurzem gedacht hatten, dass wir von hier aus gemütlich dem Rettungsspektakel beiwohnen könnten, wurde uns nun blitzschnell klar, dass die kommenden Minuten alles andere als beschaulich sein würden. Der Helikopter versuchte, sich dem Wasserbecken am schmalen Ende der Schlucht zu nähern und verursachte dabei einen ohrenbetäubenden Lärm. Sand und Kieselsteine peitschten uns ins Gesicht und schon flogen die ersten Mützen, Kleidungsstücke, Brillen und Rucksäcke durch die Luft. Augenblicklich stoben alle Wanderer davon und flüchteten in die entgegengesetzte Richtung, in den flächer werdenden Teil der Schlucht. Auch ich packte meinen Rucksack und kletterte eilig auf allen Vieren davon. Zurückblickend sah ich, dass Eyal der Familie half, die badenden Kinder aus dem Wasserbecken zu ziehen. Weitere Männer kümmerten sich um den grossen Hund, der vor Schreck erstarrt keinen Schritt mehr vor- oder rückwärts zu machen gewillt war. Ich nahm mich der grösseren beiden Kinder an, die nun zu mir gestossen waren, schnappte ihre Schuhe, Kleider und Rücksäcke und gemeinsam suchten wir Schutz hinter einem Felsvorsprung. Während unsere Eingeweide und Trommelfelle ob dem höllischen Lärm zu zerbersten drohten, konnten wir beobachten, wie zwei Männer und eine Bahre aus dem Helikopter abgeseilt wurden.


Dann drehte der Helikopter ab und flog einige Runden über der Schlucht, während – so nehme ich an, denn das entzog sich unseren Blicken – der Verletzte behandelt und auf der Bahre festgezurrt wurde. Diese Pause benutzten wir, um unsere in alle Richtungen davongestobenen Wanderkollegen wiederzufinden und dann die Wanderung weiterzuführen. Wie der Verletzte in den Helikopter hochgezogen wurde, sahen wir dann erst am Abend zuhause in den Nachrichten.

Die Wanderung legten wir noch wie geplant zurück, aber unsere Gedanken und Gespräche drehten sich den ganzen Tag nur um den unglücklich Gestürzten. So sorgfältig wie an diesem Samstag habe ich noch auf keiner Wanderung jeden einzelnen Schritt gewählt. Und nun bin ich wieder bereit für einige langweilige Wochenenden in der heimischen Stube.

Die Kamele scheren sich einen Deut um das ganze Spektakel

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