Zwillinge


In unserer Familie gibt es Nachwuchs. In der erweiterten Familie, wohlvermerkt, bei uns selbst ist dieses Kapitel ja abgeschlossen (die Älteren) oder noch nicht aktuell (die Jüngeren). Mein Schwager aber ist zum ersten Mal Grossvater geworden. Die Freude ist gross und da es sich um Zwillinge handelt, sogar doppelt. Vor einigen Tagen stattete ich den beiden Würmchen, die nach 40 Tagen in der Frühchenstation endlich nach Hause durften, einen ersten Besuch ab. Die Beiden sind zehn Wochen zu früh geboren, aber ich bin trotzdem erstaunt, wie klitzeklein und unfertig sie auch jetzt noch sind. 
An die ersten Wochen nach meinen eigenen Geburten kann ich mich nur noch diffus erinnern, ich war wohl jeweils reichlich verwirrt. Bis ich mich einigermassen von den Strapazen der Geburt, der hormonellen Umstellung und dem Durcheinander mit der neuen Familienkonstellation erholt hatte, kraxelten mir schon drei ausgewachsene Kleinkinder um die Beine. Vielleicht versetzt mich nun deshalb die Winzigkeit und Unfertigkeit der kleinen neugeborenen Menschlein ins Staunen. Aber wenn ich mich auch nicht mehr genau erinnere, weiss ich doch, dass jedes einzelne meiner Kinder bei der Geburt fast ein Kilogramm mehr auf die Waage brachte als die Zwillinge zusammen!
Ich darf beim Stillen zusehen. Als die zwei Winzlinge – stereofon! – an den prallen Brüsten hängen, drängt sich mir unweigerlich der Vergleich mit einem Wurf Kätzchen auf. Mit blinden Augen suchen sie die Warze und saugen sich voll. Dabei verschlucken sie sich ab und zu und müssen ein wenig geschüttelt und dann wieder angesetzt werden. Dann, kurz bevor sie wie betrunken in den Schlaf fallen, bekommen sie je eine frische Windel in Puppengrösse verpasst.
Das Leben der Beiden lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen: Vor dem Essen quengeln sie, weil sie ein Hüngerchen verspüren, nach dem Essen jammern sie, weil ein Gäschen in ihren zarten Gedärmen rumort. Dazwischen schlummern sie ein wenig, weil das Nuckeln, Verdauen und das Zellteilen im Turboverfahren sie erschöpft.
Zwei wehrlose Bündelchen Mensch, denen das Leben zugeworfen wurde. Die Winzigkeit und das totale Ausgeliefertsein dieser Geschöpfe führt mir vor Augen: Wir kommen aus dem Nichts. Wir sind nichts und am Schluss kehren wir ins Nichts zurück. Noch erstaunlicher finde ich: Eben noch ein Nichts, werden wir aus wehrlosen Würmchen – ein bisschen Muttermilch trinkend, ein paar Müskelchen dehnend, ein paar Schläfchen haltend – flugs zu strammen jungen Menschen, die glauben, das Zentrum des Universums zu sein und die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben.
Ich verlasse die junge Familie mit guten Wünschen, aber auch staunend und nachdenklich. Was für eine eindrückliche Begegnung. Das Bild der zwei nuckelnden Menschenbabies wird mir noch lange im Gedächtnis haften bleiben!

Kommentare

wegwunder hat gesagt…
Hahaha, genau "die Weisheit mit Löffeln gefressen haben". Das Kind meint doch hin und wieder, es sei "de Chabis ond de Storze".
Liebe Grüsse,
Sibylle
wegwunder hat gesagt…
Liebe Yael,
Ich sende dir zu gern ein Päckli nach Israel (entdecke gerade meine Lust "Freude zu versenden"). Gib mir doch unter wegwunder@gmail.com deine Adresse an.
Herzliche Grüsse und ein schönes Wochenende,
Sibylle

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