Beim Friseur


Liebe Leser, ich muss ihnen etwas gestehen: Ich bin gar nicht blond. Auch nicht dunkelblond. Nicht einmal brünett! Mein Haar ist ganz einfach schlohweiss – und gefärbt!
Warum und wann ich mit dem Färben angefangen habe, entzieht sich meiner Erinnerung. Es gehört seit Jahren einfach zu meiner Routine. Einst färbte ich mein Haar blond, als ich noch jünger war, dann in allen Blond- und Brauntönen, die die verschiedenen Färbpaletten zu bieten haben: Sonnenblond, aschblond, dunkelblond, hellbraun, rehbraun, caramelbraun undsoweiter. Über all der Färberei geriet mein natürlicher Haarton in Vergessenheit. Unterdessen ist der Tag, an dem ich mir eingestehen muss, dass mein Haar unter all der Farbe ganz einfach weiss ist, schon lange eingetroffen.
Nun, eigentlich strebe ich nicht nach einer jüngeren Version von mir selbst, aber – wie wird man die Farbe jetzt los? Monatelang mit grau nachwachsendem Ansatz aufzutreten würde mich schon sehr viel Überwindung kosten. Dazu kommt das absolute Unverständnis des Gatten und der Kinder für den „Grossmutter-Look“. Kurzum, ich sitze in der Färbe-Falle.
Aus Kosten- und Zeitgründen habe ich bis heute jeweils im Eigenverfahren gefärbt. Das ist nicht nur billiger sondern auch zeitsparend, denn ich kann, während die Farbe einwirkt, auch noch Wäsche verräumen oder den Boden fegen und nach nur einer halben Stunde ist wieder etwas Hausarbeit erledigt und ich sehe aus wie aus dem Ei gepellt. Leider hält die frische Farbe jeweils nicht lange, nach einer Woche fängt sie schon an zu verbleichen, die schönen Brauntöne werden zu einem undefinierbaren Gelb und spätestens nach zwei drei Wochen gesellt sich auch noch der weiss spriessende Ansatz dazu.
Vor einigen Tagen habe ich mich endlich vom Friseur, der schon seit Jahren den Locken meiner Töchter den Garaus macht und für ihre glatten Haare verantwortlich ist, zu einem Färbversuch in seinem Haarstudio überreden lassen. Der junge Mann ist ein sehr talentierter Verkäufer und als ich neulich wegen Lianne bei ihm vorbeischaute, versprach er mir eindringlich, dass ich mit einer professionellen Koloration unvergleichlich viel besser aussehen würde. Das tönte vielversprechend und schon stand der Termin fest. Nicht genug also, dass der verkaufsbegabte Haarkünstler einen mit dem Geld meiner Töchter finanzierten flotten Sportwagen fährt – jetzt werde ich auch noch für sein Benzin blechen.

So treffe ich also nach der Arbeit mit schweizerischer Pünktlichkeit zum vereinbarten Zeitpunkt bei ihm ein. Nun, wir befinden uns in Israel und so muss ich zuerst fast eine halbe Stunde warten, obwohl wir ja einen Termin vereinbart haben – und bin schon ziemlich genervt, bevor mein „Haar-Makeover“ überhaupt beginnt.
Die Prozedur ist, wie sich bald herausstellt, eine ziemlich unangenehme Tortur: Die chemischen Färbmittel stinken ätzend (viel mehr als diejenigen, die ich zuhause verwende!), sie treiben mir die Tränen in die Augen, die Kopfhaut juckt. Dann muss ich beinahe zwanzig Minuten mit dem Kopf rücklings im Haarspülbecken liegen und brauche danach fast einen halben Tag, bis ich wieder aufrecht stehen kann. Ausserdem mag ich es nicht, die Zügel nicht selbst in der Hand zu haben und befürchte, dass sich mein Haar unter der beissenden Substanz hellorange, auberginenviolett oder silbergrau färbt.
Nun, immerhin sieht der muskulöse Haarfachmann gut aus, so dass ich während der zweistündigen Tortur im Spiegel etwas zu betrachten habe. Und ausserdem – wann genau ist es zuletzt vorgekommen, dass ein junger Mann zwei Stunden um mich herumtänzelt? Ich versuche nicht daran zu denken, dass ich ihn dafür bezahle und geniesse die Aufmerksamkeit und die charmant eingeflochtenen Komplimente. Wobei – für die horrende Summe, die ich dann schlussendlich hinblättern muss, hätte er gerne noch etwas mehr bieten können...

Als mein Haar dann endlich ein letztes mal gespült und trockengeföhnt ist, bin ich angenehm überrascht. Das Resultat lässt sich sehen: Mein Haar glänzt wie das eines jungen Mädchens und das helle Braun sieht so natürlich aus, wie es wohl seit dem Tag meiner Geburt nicht mehr war.

Also, Haarproblem wäre gelöst. Nun bleibt nur noch das Faltenproblem.

Kommentare

Petra hat gesagt…
Liebe Grüsse aus Wien! Wie sich doch die (Haar)Ansätze gleichen... Hätte eigentlich nichts dagegen, ganz grau zu sein. Das kann nämlich auch total schick aussehen. Aber, noch bleibt es bei den ergrauten Schläfen. Werde daher weiterhin selbst färben. Petra
Schreibschaukel hat gesagt…
Hihi - sehr lustig geschrieben.
Ich bin aus der Färbefalle raus. Zum feschen Frisör kann ich ja trotzdem noch!
Yael Levy hat gesagt…
Liebe Schreibschaukel. Ich werde wohl leider noch einige Jahre weiterfärben und Frauen mit natürlich-weissen Haaren neidisch hinterher gucken. Aber ja, DIESER Frisör ist einen Besuch wert!

wegwunder hat gesagt…
Hallo Yael, habe mich gerade köstlich amüsiert. Da du und Familie jetzt schon den Sportwagen und das Benzin finanziert, müsste man sich überlegen, diesen attraktiven Mann in der Familie aufzunehmen... *grosses Schmunzeln*. Ja das mit dem Haare färben ist so 'ne Sache - geht mir auch so, aber ohne Zutun der Kopfhaut, ich lasse Strähnchen färben, das in Folie gewickelt die Kopfhaut in Ruhe lässt. Fühle mich definitiv zu "jung" für weisses Haar (hätte viel davon...). Reden wir nicht von den Falten...
Liebe Grüsse,
Sibylle

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