Das alte und das neue Jahr

Am letzten Donnerstag im alten Jahr plagen mich den ganzen Tag fiese Kopfschmerzen. Schon beim Aufstehen sind die Schmerzen einfach da, sie begleiten mich hartnäckig den ganzen Tag und lassen auch gegen Abend nicht nach. Irgendwann gebe ich die Hoffnung auf natürliche Besserung auf und beschliesse, dem Hämmern im Kopf mit einer Schmerztablette ein Ende zu setzen. In der Arznei-Schublade in unserem Schlafzimmer finde ich das Gesuchte. Ich stecke die Tablette erstmal in die Tasche meiner Fleecejacke, um sie dann später in der Küche mit einem Glas Wasser hinunterzuspülen. Vorher hebe ich aber noch hier und da ein paar herumliegende Socken auf, stecke schnell etwas Wäsche in die Maschine, überprüfe das Schloss der Balkontür, drehe staunend eine Runde in unserem neuen Badezimmer, und, und, und....

Einige Stunden später, lesend auf dem Sofa, hämmern die Kopfschmerzen erbarmunglos weiter. Verkruxt nochmal, verflixt und zugenäht, wann fährt das Zeug denn endlich ein?!?! Die Schmerzen werden  immer schlimmer, gerne würde ich einfach schlafen gehen, aber wie ist das möglich, solange der Presslufthammer im Kopf weiterrattert? Endlich schleppe ich mich mit letzten Kräften in mein Schlafzimmer. Unterwegs nach oben ertasten meine Finger in der Tasche meiner Fleecejacke einen kleinen Knubbel. Was ist denn das? Ach so, die Tablette! Kein Wunder hat sie nicht gewirkt!
Ich werde alt, denke ich frustriert, werfe mir die Tablette endlich ein und schlafe bald einen schmerzlosen tiefen Schlaf.

Zwei Tage später ist das alte Jahr zu Ende und wie viele Israelis gehe ich brav früh zu Bett und verbringe den Neujahrsrutsch im Tiefschlaf. Dafür schaffe ich es am ersten Tag im neuen Jahr früh aus den Federn und treffe mich schon vor sechs Uhr morgens mit meiner Laufgruppe. Es ist noch dunkel und das Thermometer zeigt erfrischende 7 Grad. Nachdem wir uns etwas warmlaufen, wird es langsam heller und der Horizont färbt sich in zarten Rosatönen. Nebelschwaden hängen vereinzelt über dem Naturreservat, das auf einer Klippe hoch über dem Strand liegt. Von oben schauen wir auf das tosende Meer hinunter, das seine Wellen kräftig an die Klippen spült. Es riecht würzig nach wilden Pflanzen und salziger Meerluft. Zwei Rehe kreuzen leichtfüssig unseren Weg. Über die sandigen Dünen zu laufen macht Spass, vor allem bergab. Man kann auch bei schnellerem Tempo kräftig ausschreiten, denn es besteht keine Stolpergefahr, fast möchte ich mich einfach fallen lassen, eine Landung im weichen Sand. Ich breite meine Arme aus und segle die Düne hinunter, während die gerade aufgehende Sonne die ganze Landschaft in helle Rottöne taucht. Ha, ha, ich fliege! Wer ist alt? Ich doch nicht!

Während dem Laufen wird mir klar, was ich mir für das neue Jahr wünsche: dass ich auch am 1. Januar 2018 noch den Willen, die Kraft und die Gesundheit haben werde, um sechs Uhr morgens über die Dünen zu fliegen.

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