Der Eruv steht im Zusammenhang mit den Schabbat-Geboten. Am Ruhetag sind observanten Juden verschiedene Alltagstätigkeiten ausserhalb des eigenen Zuhauses untersagt. Durch eine symbolische Markierung wird ein Stadtgebiet jedoch als gemeinsamer „privater Raum“ definiert. Innerhalb dieses Bereichs sind diese Handlungen erlaubt. Der Eruv erleichtert somit das Einhalten der religiösen Vorschriften am Schabbat.
Das Konzept des Eruv entstand vor fast 2000 Jahren als Reaktion auf das jüdische Leben im Exil. Heute ist der Eruv in vielen Städten weltweit selbstverständlich. In Zürich umfasst er rund 14 Quadratkilometer – dort lebt der Grossteil der jüdischen Bevölkerung. Für religiöse Familien ist ein Eruv oft entscheidend bei der Wahl ihres Wohnorts.
Nun scheint unter Menschen, die nicht dem jüdischen Glauben angehören, sehr viel Unverständnis über das Konzept der religiösen Gebote zu herrschen. Entsprechend wenig überraschend ist die Vielzahl zynischer, abwertender und sogar hasserfüllter Kommentare, die im Zusammenhang mit dem neuen Zürcher Eruv in Medien und sozialen Netzwerken zu lesen sind.
Die „netteren“ darunter finden „religiös sein unnötig anstrengend“. Andere finden religiöse Praxis pauschal absurd oder vermischen sie mit völlig sachfremden politischen Themen – den „gewalttätigen Siedlern“ und dem Krieg in Gaza. Alles mögliche wird öffentlich herumgepoltert – nur um sich nicht eingestehen zu müssen: ich weiss eigentlich nicht, worum es hier geht.
Dass man herkömmliche Religion im Allgemeinen ablehnt oder verpönt, ist ja in der westlichen Welt nichts neues. Doch das jahrtausendealte Bedürfnis nach Religion wird nicht einfach aus der Welt verschwinden. Religion bietet Menschen ein Gefühl von Sinn, moralische Struktur, Zugehörigkeit zur Gemeinschaft und – wem danach strebt – einen Weg zu spiritueller und moralischer Erhöhung.
Vielleicht lohnt sich eine einfache Klarstellung:
Im Judentum wird niemand wird von Gott „kontrolliert“ oder „gefangen gehalten“. Es handelt sich bei den Vorschriften nicht um göttlichen Zwang, sondern um religiöse Auslegungen, die Gläubige freiwillig auf sich nehmen. Sie dienen der Zugehörigkeit zu einer Wertegemeinschaft und der bewussten Gestaltung des Alltags.Jüdisches Leben ist vielfältig, vom säkularen bis zum streng religiösen Alltag wird und darf alles gelebt werden. Das trifft sowohl in Zürich zu, als auch überall, wo es jüdisches Leben gibt. Nach den streng orthodoxen Regeln leben geschätzt nur etwas mehr als zehn Prozent der weltweiten jüdischen Bevölkerung.
Nun erscheinen religiöse Praktiken tatsächlich archaisch und sinnlos, wenn man sie losgelöst vom grösseren Zusammenhang betrachtet. Ohne Kontext sind sie leere, mechanische Handlungen und können so tatsächlich lächerlich erscheinen.
Doch Traditionen funktionieren nicht im Leerlauf. Im Gegenteil: Das kollektive Gedächtnis eines Volkes ist darin verwurzelt. In ihrem Zusammenhang stiften sie Identität, Gemeinschaft und kulturelle Kontinuität. Sie erinnern Gläubige daran, Teil von etwas Grösserem zu sein, das über das einzelne Individuum hinausgeht.
Ich persönlich würde mir viel mehr Berichterstattung wünschen, die sich nicht nur auf äussere traditionelle Handlungen konzentriert. In den deutschsprachigen öffentlichen Medien sind zahlreiche „Dokus“ über jüdisch-orthodoxes Leben abrufbar: Koscherregeln, oder jüdisches „Dating“ oder „Matchmaking“ scheinen das Publikum zu faszinieren. Aber wer weiss schon etwas über die Werte oder die religiöse Vision des Judentums?
Der Eruv nimmt niemandem etwas weg. Er schliesst niemanden aus – er ermöglicht etwas. Mehr noch: Er ist ein Symbol dafür, wie Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft gelingen kann – durch Offenheit und gegenseitigen Respekt.
Vielleicht wäre es deshalb manchmal klüger, dem Fremden mehr Raum zu geben und – wenn man schon kommentieren muss – einfach ehrlich gemeinte Fragen zu stellen.