Montag, 1. Juni 2026

Familienferien auf Kreta




Über Schawuot reiste ich mit meiner Familie nach Kreta. Sogar Itay kam extra aus der Schweiz dazu. Dass dieser Satz heute so unspektakulär dasteht, täuscht allerdings gewaltig darüber hinweg, wie unwahrscheinlich diese Reise noch wenige Tage zuvor erschien.

Die Idee eines Familienurlaubs gab es schon lange. Doch angesichts des Krieges mit dem Iran und der ständig wechselnden Nachrichtenlage blieb sie zunächst genau das: eine Idee. Erst viel später als vernünftig – und entsprechend viel teurer als geplant – buchte ich schliesslich Flüge, Hotel und Mietwagen. Immerhin über ein israelisches Reisebüro, in der Hoffnung, dass bei einer allfälligen Eskalation wenigstens ein Teil der Kosten zurückerstattet würde.

Die Tage vor der Reise waren nicht von Vorfreude geprägt, sondern im Gegenteil – nervenzermürbend. Jemand hatte auf Instagram ein Reel veröffentlicht, das unsere Situation perfekt beschrieb: Vor im Hintergrund laufenden Nachrichten Koffer packen, Koffer wieder auspacken, Koffer erneut packen, und alles wieder von vorne. Im Stundentakt wechselten die Meldungen zwischen unmittelbar wieder ausbrechendem Krieg und angeblich kurz bevorstehendem Abkommen.

Wirklich entspannen konnte ich mich eigentlich erst, als wir wieder zu Hause waren. Für den Fall, dass wir nicht nach Israel zurückfliegen könnten, hatten wir sogar einen Plan B ausgearbeitet. Die Kinder waren von der Aussicht begeistert, eventuell einige Wochen in einem Fünf-Sterne-Hotel festzusitzen. Diese romantische Vorstellung musste ich allerdings rasch korrigieren. Sollte es tatsächlich so weit kommen, würden wir aus finanziellen Gründen wohl eher zu sechst in eine möglichst günstige Zweizimmerwohnung umziehen. Zum Glück blieb uns dieses Experiment erspart.

Der Urlaub selbst war fantastisch. Wir kehrten mit vielen neuen erfreulichen Erinnerungen im Gepäck nach Israel zurück. Der Krieg mit dem Libanon läuft zwar unverändert weiter, doch was den Iran betrifft, ist immer noch alles offen. Deshalb beginne ich jetzt bereits, mich um meine nächste Flugreise im Juli zu sorgen. Man lernt hier, immer auf alle möglichen Entwicklungen vorbereitet zu sein.

Kreta besitzt ohne Zweifel alles, was eine Mittelmeerinsel zum Ferienparadies macht: traumhafte Buchten, glasklares türkisfarbenes Wasser, beeindruckende Berge, Hügel und Schluchten. Die Natur ist spektakulär.

Kreta ist jedoch extrem touristisch. Was mich besonders störte, ist eine gewisse griechische Neigung, die touristischen Zentren mit viel Glanz und Dekoration herauszuputzen, während nur wenige Schritte dahinter der Zerfall beginnt. Abseits der Hauptstrassen befindet sich die Infrastruktur in erschreckend schlechtem Zustand. Die Parkplatzsituation ist chaotisch. Geh-, Wander- oder Velowege existieren gar nicht. Überall gibt es streunende Katzen und Hunde in mitleiderregendem Zustand. Sogar die "mondänste" Shoppingmeile in Heraklion macht einen schäbigen Eindruck. Das in wunderschöner Umgebung liegende Bergdorf Krasi ist mit seinen wenigen traditionellen Steinhäusern ein absolutes Besuchermagnet – und von wild geparkten Autos leider völlig zugestellt. Im alten Teil des Dorfes wischt eine Frau einen Wurf neugeborener Kätzchen vom Vorplatz in den Strassengraben, direkt vor unsere Füsse. Leider können wir nicht helfen. Kastrationsprogramm für freilebende Katzen?Tierheim? Fehlanzeige!




Die meisten Orte erinnern an israelische Peripheriestädte der fünfziger Jahre. Alles wirkt, als hätten die zuständigen Behörden sämtliche Aktivitäten auf „ávrio“ – ein nie eintreffendes Morgen – verschoben.

Für uns immer wieder aufwühlend waren die zahlreichen Graffiti, die leider unterdessen wohl auch auf dem Mond anzutreffen sind. „Israel = Genocide“ oder „All IDF Soldiers are War Criminals“ erzeugen nicht unbedingt das Gefühl, besonders willkommen zu sein.

Eine sichtbar in die Jahre gekommene griechische Militärbasis amüsierte uns hingegen sehr. Die zerrütteten Gebäude und verlassen daliegenden Hallen, die rostigen Fahrzeuge und die vollkommen vernachlässigten Zufahrtswege erschienen uns der Tiefpunkt der Vernachlässigung.

Das wiederum brachte eines meiner Kinder auf die Idee – als Höhepunkt unserer geopolitischen Diskussionen beim Autofahren – Israel könne Kreta doch einfach übernehmen.
Schliesslich wird Israel in weiten Teilen der Welt ohnehin grenzenloser und böswilliger Expansionismus vorgeworfen – warum also nicht wenigstens eine schöne Mittelmeerinsel dazugewinnen?

Die müde wirkenden Soldaten mit ihrer vernachlässigten Ausrüstung würden vermutlich schon beim ersten kräftigen Windstoss kapitulieren. Und eine idyllische Insel ohne feindliche Nachbarn wäre doch eine durchaus attraktive Ergänzung. Natürlich würde die israelische Regierung anschliessend alles modernisieren: neue Strassen, gepflegte Parks, Wanderwege, moderne Wohnungen, etwas Hightech-Industrie...

In unserer Fantasie ging die Entwicklung rasant voran. Vielleicht könnte sogar die moderne Metro, die im Grossraum Tel-Aviv gebaut wird, um eine Linie nach Heraklion und Chania erweitert werden!

So entstanden auf der Rückbank ambitionierte Infrastrukturprojekte und internationale Zukunftsvisionen, die uns halfen, trotz „Free Palestine“-Geschmiere und trauriger Kätzchen bei guter Laune zu bleiben.

Fazit: Die Ferien mit der Familie waren grossartig. Kreta selbst hat mich hingegen etwas enttäuscht. Die Natur ist wunderschön, das Meer traumhaft und die gemeinsame Zeit unbezahlbar. Dennoch werde ich beim nächsten Familienurlaub ein anderes Ferienziel ins Auge fassen. Man muss schliesslich vergleichen können.





Mittwoch, 6. Mai 2026

Der dritte Planet

Auf dem dritten Planeten, auf dem ich lande (mehr dazu in meinem letzten Beitrag „drei Länder, drei Welten“), kündigt die grosse Tafel in der Eingangshalle an, dass das Gepäck auf Band drei auf uns wartet.

Doch was für eine Überraschung – Band drei ist wegen Umarbeiten geschlossen.

Die junge Frau am Informationsschalter scheint sich nicht besonders mit dem Sinn des Schalters, an dem sie sitzt, zu identifizieren. Sie hat keine Ahnung, was mit Band drei los ist. Wo unser Gepäck ist, weiss sie auch nicht. Irgendjemand bringt trotzdem in Erfahrung, dass Band acht die Lösung sein könnte. Dort stürmen jetzt die Schicksalsgenossen meines Fluges hin.

An Band acht angekommen, warte ich gedankenverloren auf meinen Koffer. Nach einer langen Weile merke ich plötzlich, dass nur noch ich da bin, während einige letzte herrenlose Koffer stoisch ihre Runden drehen. Meiner ist nicht dabei. Nach einer kleinen Detektivtour entdecke ich ihn schliesslich – eingeklemmt und verkeilt, tief im Inneren des Bandes.

Zurück zu der Frau am Schalter. Ein paar Telefonate später wird tatsächlich Hilfe organisiert. Mein Koffer wird befreit und ich nehme ihn dankbar in Empfang.

Zum Glück fahren auf diesem Planeten auch die Züge mit Verspätung und so erreiche ich doch noch den Zug, der vor einigen Minuten hätte abfahren sollen.

Im Zug scheint mein Koffer ein Eigenleben zu entwickeln: Freundliche, starke junge Männer heben ihn beim Ein-, Um- und Aussteigen unaufgefordert über Schwellen und Treppen. So wechselt er wie von Geisterhand getragen die Züge. Wie wunderbar, diese Hilfsbereitschaft!

Der Zug ist jetzt zur Abendzeit proppevoll und so verliere ich meinen Koffer zwischen einer dicht gedrängten Menschenmenge im Fahrradabteil prompt wieder aus den Augen. Doch es dauert nicht lange, bis mein Telefon klingelt. Eine aufmerksame Soldatin hat ihn entdeckt und die Nummer auf dem Etikett angewählt. Ich kann ihn gerade noch rechtzeitig retten, bevor er womöglich als verdächtiges Objekt Schlagzeilen macht.

Am Bahnhof werde ich abgeholt und dann sind wir – mein Gepäck und ich – nach einer erlebnisreichen Woche endlich wieder zu Hause.




Montag, 4. Mai 2026

Drei Länder, drei Welten




Der letzte Abend, ich sitze vor gepackten Koffern. Morgen geht es zurück nach Tel Aviv. Hinter mir liegen zwei kurze Aufenthalte in der Schweiz, und dazwischen fünf intensive Tage in Amerika. Die Reise nach Philadelphia hatte berufliche Gründe. Ich hatte das Glück, sie mit einigen Tagen Urlaub bei meiner Familie in der Schweiz verbinden zu können.

Ganz ehrlich: ich war alles andere als begeistert als die Idee für diese Geschäftsreise aufkam. Der lange Flug, die Zeitverschiebung, allein mit dem Mietauto zurechtkommen, Smalltalk auf Englisch mit Geschäftskollegen, während ich bestimmt völlig übermüdet sein würde – bin ich all dem überhaupt noch gewachsen? Ich liess die Vorbereitungen für die Reise anlaufen, war jedoch vollkommen überzeugt, dass ich mir am Schluss eine Ausrede einfallen lassen würde, um mich zu drücken. Dann kam die Möglichkeit für einen Anschlussflug über Zürich auf – und alles weitere ist Geschichte.

„Do one thing every day that scares you“. Der Satz ist so abgedroschen wie richtig. Die gewohnte Umgebung verlassen, über den eigenen Tellerrand hinausblicken, neue Orte sehen, andere Lebensweisen spüren, unbekannten Menschen begegnen – all das war nicht nur bereichernd, sondern auch überraschend kurzweilig und es hat Spaß gemacht!
Bald trete ich um viele Eindrücke und Perspektiven reicher den Flug nach Hause an, mit einem etwas frischeren Blick auf das, was mich zu Hause erwartet. Zumindest für eine Weile.

Dass Israel, die Schweiz und Amerika sich anfühlen wie drei verschiedene Planeten, ist keine neue Erkenntnis. Aber es ist jedes Mal aufs Neue bemerkenswert.
Aus einem Land kommend, das in einem Krisensturm und unter akuter Bedrohung aus verschiedenen Richtungen steht, wirkt die Selbstverständlichkeit von Ruhe und Ordnung in der Schweiz surreal.




Und dann Amerika – so viele Eindrücke!
Das völlig absurde Konsumverhalten hat mich, nachdem ich erste Einblicke gewonnen hatte, die Läden fluchtartig verlassen lassen. Das Angebot ist unbegrenzt, verführerisch – aber auch vollkommen dekadent.

Auf dem Firmengelände haben mich die Schilder für „severe weather condition shelter“ (Schutzraum bei extremen Wetterbedingungen) belustigt. Also auch hier gibt es Schutzräume! Ob sie wohl einem Raketeneinschlag standhalten würden? Ob sie je aufgesucht worden sind? Gedanken einer Israelin...

Im Austausch mit meinen amerikanischen Arbeitskollegen über ein mir aktuell wichtiges Thema habe ich gelernt, dass es in den USA keine Pflicht gibt, mit einem bestimmten Alter in Rente zu gehen.
Der Vergleich zwischen der Schweiz und den USA ist spannend, weil die Systeme fast gegensätzlich aufgebaut sind:
Die Schweiz setzt auf Struktur und Verlässlichkeit – wie könnte es anders sein. Das klar geregelte Drei-Säulen-System ist verpflichtend, stabil und planbar – allerdings auch mit wenig Flexibilität und teils hohen Kosten.
Die USA hingegen funktionieren nach einem anderen Prinzip. Es gibt kein verpflichtendes Renteneintrittsalter und die staatliche Rente ist eher eine Grundabsicherung. Vieles hängt von individueller Vorsorge, Eigenverantwortung, dem Arbeitgeber und den Kapitalmärkten ab. Selbst die staatliche Krankenversicherung im Alter, Medicare, deckt nicht alles ab.
Das Ergebnis ist mehr Freiheit, aber vor allem auch mehr Unsicherheit. Menschen ohne ausreichende Kenntnisse, Ressourcen oder persönliche Stabilität können öfter im System untergehen oder durch die Maschen fallen.

Ich finde es immer wieder faszinierend und ein bisschen lustig, wie die Amerikaner und Amerikanerinnen ticken. Bin aber froh, keine zu sein.

Es gibt unterdessen auch guten Kaffee bei den Amis, aber man muss ihn suchen. Bei mir lag zum Glück eine tolle Kaffeebar dem Hotel gegenüber – vielleicht der Grund, dass dieses mal die Reise viel erfreulicher war als die früheren.

Aber am schönsten ist es doch, wieder dort anzukommen, wo man nicht mehr suchen muss.





Donnerstag, 9. April 2026

Geduld

Es sind verwirrende Zeiten. Am Dienstagabend gingen wir mit einem mulmigen Gefühl ins Bett: Irgendwo zwischen Angst vor einer ausufernden Eskalation und der Hoffnung, dass sich im Nahen Osten endlich grundlegend etwas verändert. Ein wenig herrschte sogar so etwas wie Vorfreude auf die Eskalation - wenn danach nur endlich friedlich gesinnte Mächte der Asche entsteigen würden!

Doch statt in den erhofften Umbruch erwachten wir in eine vorübergehende Waffenruhe. Ein Zustand, der mehr Fragen aufwirft als er Antworten gibt. Denn kaum jemand weiss, was wirklich vor sich geht. Und selbst der kleine Kreis, der näher dran ist, kann nicht wissen, wohin sich die Lage entwickeln wird.

Sicher ist: Während geopolitisch alles in der Schwebe hängt, sind die Strassen schon heute morgen wieder verstopft wie vor dem Krieg. Schulen und Universitäten nehmen den Betrieb auf – sehr zum Unmut der Schüler und Studierenden. Auch unsere Studentin ist enttäuscht, dass die ungeplante Pause abrupt endet und dass die bis vor Kurzem aufgeschobenen Prüfungen bald tatsächlich stattfinden werden. 
Und auch bei mir schient wieder Routine einzuziehen – wir werden zurück im Büro erwartet.

Doch unter dieser Oberfläche bleibt ein ungutes Gefühl. Die Waffenruhe ist nicht der erwartete triumphale Abschluss, sondern eher ein Innehalten. Wir hätten uns klarere, hoffnungsvollere Ergebnisse gewünscht.

Wir werden uns in Geduld üben müssen. Die Zeit wird zeigen, was diese Pause wirklich bedeutet und wie es weitergehen wird. 

In dieser unsicheren Welt sind es die kleinen Dinge, die mir Zuversicht geben. Zum Beispiel unser Spaziergang am Meer und die überwältigende Blütenpracht im Frühling 





Wenn Sie am Wochenende noch etwas Zeit haben, möchte ich folgende Stimmen weiterleiten:

Ein War Zone Musical, das mich zum Schmunzeln gebracht hat.

Warum wir Israelis trotz allem glücklich sind.

Chaim Nolls NZZ-Artikel über die Lektion der Vernichtung. Er bringt einfach alles wie immer wunderbar auf den Punkt. Hier ist derselbe Artikel bei Rainer Seiferth auf facebook ohne Bezahlschranke.
 

 

Donnerstag, 26. März 2026

Alice im Wunderland

Idyllische Kaffeepause im Homeoffice 



Tausende Raketen haben die Hisbollah und der Iran seit Beginn dieses Krieges auf die israelische Zivilbevölkerung abgefeuert. Viele werden abgefangen. Einige nicht – sie richten erheblichen Schaden an. Und selbst abgefangene Raketen bleiben gefährlich. Die Trümmer fallen vom Himmel, schlagen in Gärten ein, beschädigen Dächer, durchschlagen Häuser. Immer mehr Bekannte berichten von Raketenteilen in ihren Vorgärten und auf Gehwegen. Es wird zunehmend klar, wie lebenswichtig es ist, bei Alarm sofort Schutzräume aufzusuchen und dort zu bleiben, bis Entwarnung gegeben wird.


Dienstag, Tel-Aviv

Wir erledigen Besorgungen im Zentrum. Das Navi führt uns auf merkwürdigen Umwegen ans Ziel. An einer Kreuzung ist plötzlich Schluss. Die Strasse ist gesperrt. Sicherheitskräfte sorgen für Ordnung. Kurz zuvor sind hier Teile einer Streurakete eingeschlagen. Ein Gebäude ist komplett zerstört, umliegende Häuser beschädigt. Die Frau, die wir besuchen, wirkt tief erschüttert. Der Einschlag – nur wenige Hundert Meter entfernt – war in der ganzen Gegend heftig zu spüren.

Später erfahren wir, dass das zerstörte Gebäude erst wenige Tage zuvor im Zuge eines Sanierungsprojekts geräumt wurde. Wie durch ein Wunder gab es bei diesem Einschlag in der dichtbesiedelten Stadt keine Opfer.


Am Strassenrand

Als wir Tel-Aviv verlassen, ertönen die Sirenen während der Fahrt. Viele halten an und suchen Schutz – in Bunkern, hinter Mauern, notfalls im Strassengraben. Wir fahren weiter.



Nacht auf Mittwoch

In meinem Wohnort war es bislang vergleichsweise ruhig. Vielleicht habe ich das zu laut gesagt. Prompt reissen uns um drei Uhr nachts die Sirenen aus dem Schlaf.



Donnerstag, Alltag im Ausnahmezustand

Es geht mit den Alarmen fleissig weiter:

Morgens während des Trainings mit der Sportgruppe. Wir laufen in den Schutzbunker am Strassenrand. Das Licht funktioniert nicht. Ein Dutzend Personen dicht gedrängt auf engstem Raum, stehend, in totaler Dunkelheit. Draussen dröhnen die Abwehrsysteme. Wir machen Witze.

Vormittag: Die Sirenen unterbrechen eine Besprechung mit Mitarbeitern aus Indien und Kroatien. Ich klinke mich aus. 

Nachmittag: Sirenen in einem Meeting mit dem Team in den USA. Meine israelische Mitarbeiterin und ich hinterlassen zwei leere Kamerafelder auf dem Bildschirm. 

Meine Mitarbeiterin in Tel-Aviv muss heute acht mal in den Schutzraum im Parterre ihres Wohnhauses flüchten. Ich frage mich ernsthaft, warum überhaupt noch jemand bereit ist, mit uns zu arbeiten.


Der Sirenen-Kindergarten

Lianne erlebt während ihrer Freiwilligenarbeit in einem Kindergarten eine besonders absurde Alarmepisode: Die Aktivität mit einem mobilen Streichelzoo findet vorsorglich im Schutzraum des Kindergartens statt. Doch auf das Ernstfallszenario ist wohl trotzdem niemand vorbereitet. Als die Sirenen heulen, kommen Kinder aus zwei benachbarten Kindergärten hinzu. Das ergibt etwa vierzig aufgeregte Kinder, ein Dutzend Kleintiere und ein überfordertes Betreuungsteam in einem stickigen Raum. Die Schlange, die Hamster und der Igel sind mit einigen Karotten und Salatblättern leicht in Schach zu halten. Doch als die Hasen auszubrechen drohen, wird es für Lianne ernst – sie ist auf Hasen allergisch. Zum Glück folgt bald die Entwarnung. Lianne wird von einem allergischen Schock verschont – und auch einmal mehr von einem Raketentreffer. 
Die Geschichte hört sich zuhause vollkommen surreal an – als wären wir gerade bei Alice im Wunderland gelandet.



Das ist eine Schilderung meiner ganz persönlichen Erlebnisse in den letzten Tagen. Tausende Raketen und Raketenteile – das sind auch abertausende persönliche Geschichten. Einige verlaufen glimpflich, viele nicht. Einige davon kommen mir zu Ohren, die meisten nicht.


Am Dienstag wurde im Norden Israels eine 27-jährige Frau von einer Rakete getötet, während sie im Strassengraben Schutz suchte.
 

Sonntag, 15. März 2026

Ein Wochenende zwischen Sirenen



Sirenengeheul, Schutzräume und ein Alltag, der von Raketenangriffen bestimmt wird – vermutlich werden diese Themen noch eine Weile hier vorherrschen.
Ich weiss, vieles wiederholt sich in meinen Berichten. Wie gerne würde ich abwechslungsreichere Geschichten aus unserer Ecke erzählen.

Lianne fuhr für das Wochenende mit Freundinnen nach Eilat. Sie war damit nicht allein. Tausende Israelis waren ebenfalls aus dem Zentrum des Landes geflüchtet, um ein paar Tage Abstand und Ruhe zu finden. Bis letzten Donnerstag hatte es in Eilat kaum zehn Alarme gegeben, einige davon sogar Fehlalarme. Verglichen mit Tel Aviv, wo die Sirenen schon hundert mal heulten, war die südliche Touristenstadt – bis vor kurzem – fast ein idyllisches Paradies.

Doch Lianne scheint die Alarme irgendwie anzuziehen. Schon an ihrem ersten Morgen gingen auch in Eilat die Sirenen los. Die Hotelgäste wurden aus den Betten gerissen und suchten Schutz im Treppenhaus. In den Stunden danach folgten weitere Raketenangriffe aus dem Iran auf die Stadt. Eine Streurakete schlug an sieben verschiedenen Orten ein und verursachte beträchtlichen Schaden. Es gab Verletzte, darunter ein zwölfjähriger Junge.

In unserer näheren Umgebung schlug in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag eine Rakete in einem nur sechs Kilometer entfernten Dorf ein. Sie traf den Garten eines Hauses, zerstörte mehrere Gebäude und hinterliess eine Schneise der Verwüstung. Die Familie überlebte unverletzt – im Schutzraum ihres inzwischen schwer beschädigten Hauses.

Ich war zu diesem Zeitpunkt noch wach. Die dumpfen, kräftigen Schläge der Abwehrsysteme – auf die oft kurz darauf das Sirenengeheul folgt – sind uns inzwischen vertraut. Wenn nach den Abfangraketen weitere schwere Schläge zu hören sind, weiss man: das ist kein gutes Zeichen.
Der Einschlag liess auch bei uns alles erzittern; die Pergola bebte, Fenster und Rollläden rüttelten laut.

Danach blieb es bei uns am Freitag und Samstag zunächst ruhig – während Lianne nach Eilat geflüchtet war. Am Freitag verbrachte ich sogar zwei Stunden in einem Einkaufszentrum in Netanya. Menschen schlenderten durch die Geschäfte, kauften ein, sassen in Cafés und Restaurants – fast wie zu friedlichen Zeiten.

Erst nach Liannes Rückkehr ging es wieder weiter. Letzte Nacht wurden wir erneut aus dem Schlaf gerissen: um zwei Uhr dreißig und noch einmal um sechs Uhr dreißig. Am Morgen fand man abgeschossene Raketenteile in einem der Erdbeerfelder entlang meiner Laufroute.

Auch in Tel Aviv soll es heute Schäden durch herabfallende Raketenteile gegeben haben. Für die Menschen dort ist die Situation nur schwer zu ertragen. Die Angriffe kommen unaufhörlich, in immer neuen, dichten Wellen. Viele Wohnungen haben keinen Schutzraum. Freunde von Sivan haben vor zehn Tagen ein Kind bekommen – im raketensicheren Keller eines Krankenhauses. Seit ihrer Rückkehr nach Hause laufen sie nun mehrmals täglich – und auch nachts – mit ihrem Neugeborenen zum Schutzraum der Nachbarn. Wenn das nicht zeigt, was gute Nachbarschaft bedeutet!

Israeli, die im ebenfalls stark beschossenen Norden leben, kenne ich kaum. Da die Hisbollah aus nächster Nähe feuert, muss es dort ganz schlimm sein. Verwandte aus einem der nördlichen Kibbuzim sind – wie viele andere auch – zu Familien in etwas sicherere Gegenden gezogen. In den Medien verfolge ich Berichte über unaufhörlichen Beschuss.

Für Lianne begann am Sonntag trotzdem das zweite Semester. Online natürlich – mit einer Statistik-Vorlesung, ausgerechnet ihrem meistgehassten Fach. Immerhin hat sie sich in Eilat eine neue Trainingshose gekauft. Jetzt ist sie auch für das Fernstudium im Raketenalltag top gekleidet.

Ihre Zusammenfassung der ersten Lektion klang ungefähr so: „Bla, bla, bla – lauter statistische Fachausdrücke, die ich nicht verstehe. Dann Raketenalarm. Der Dozent rennt in den Schutzraum. Tel Aviv wird zerstört (es hat Einschläge gegeben). Danach wieder bla, bla, bla – noch mehr statistische Fachausdrücke, die ich nicht verstehe." 
Wie soll man unter solchen Umständen etwas lernen?

So sieht im Moment unser Alltag aus: Sirenen, kurze Wege zum Schutzraum, ungewöhnliche Wohnsituationen, vielerorts Zerstörung. Sich immer wieder aufrappeln. Keine Möglichkeit, irgendetwas zu planen. Dazwischen erstaunlich normale Momente: Menschen gehen einkaufen, sitzen im Café, arbeiten, beginnen ein neues Semester.

Während ich diesen Text schreibe, hoffe ich, dass der nächste Blogeintrag möglichst bald wieder von ganz anderen Dingen handeln kann.

Kreative Idee in einem geteilten Schutzraum in Tel-Aviv

Schutzsuchende in einem öffentlichen Schutzraum in Tel-Aviv




Dienstag, 10. März 2026

Brüchiger Alltag

Nur kurze Zeit nach der Veröffentlichung meines letzten Beitrags, in welchem ich die Gefahr der Raketen etwas heruntergespielt habe, tötete eine iranische Rakete zwei Menschen und verletzte mehrere weitere. Die Rakete brach in der Luft auf, und zahlreiche Sprengkörper schlugen verstreut im Grossraumgebiet Tel-Aviv ein.

Ich befand mich während der Einschläge im Schutzraum meines Büros, von dem ich hoffe, dass er seiner Bezeichnung Ehre macht. Im Gegensatz zum Schutzraum zu Hause ist er geräumig, gut ausgestattet und bietet Platz für Dutzende Menschen. Mein Büro liegt direkt daneben, fünf Sekunden, und ich bin unten.

Doch trotz der hervorragenden Einrichtungen ist das Bürogebäude fast menschenleer. Längere Anfahrtswege halten meine Kollegen davon ab, zur Arbeit zu fahren. Autofahren gleicht einem Spiessrutenlauf – Sirenen unterwegs zu erleben, ist alles andere als angenehm. Und dann sind da ja noch die Kindergarten- und Schulkinder, die zu Hause betreut werden müssen.

Doch ich geniesse den Tag im Büro. Zuhause treibt mich das ständige Hin und Her zwischen Hausarbeit, ablenkenden Familienmitgliedern und dem verzweifelten Versuch, im Homeoffice konzentriert zu bleiben, fast in den Wahnsinn.

Auch mein Sporttraining am frühen Morgen hat wieder Spass gemacht, war belebend und verlief – im Gegensatz zum Tag davor – sogar ohne Sirenengeheul. Eine kleines Stück Normalität, an dem man sich festhalten kann.

Gegen Mittag fand unser monatliches Teammeeting statt, diesmal online anstatt im Besprechungsraum. Es war ein surreales Treffen: fünfzehn Menschen, über das ganze Land verteilt, die nur darüber sprechen, welche Stadt gerade mehr oder weniger sicher ist, wie viele Sirenen es bei jedem gegeben hat, wer einen eigenen Schutzraum hat und wer nicht, und dass man in Schutzräumen in Zukunft Toiletten einbauen sollte. Dieser Krieg ist nur einige Tage alt, aber ich kann mich schon nicht mehr erinnern, worüber man spricht, wenn man nicht im Krieg lebt. Nach wenigen Minuten zwangen uns die Sirenen erneut, uns in Eile zu zerstreuen. Ich eilte in den Schutzraum im Keller – siehe oben.

Kurz nachdem ich mich am späteren Nachmittag ins Auto setzte, um nach Hause zu fahren, meldete das Radio erneut Raketen aus dem Iran. Am Strassenrand standen Menschen, die vorsichtiger als ich schon ihre Autos neben öffentlichen Schutzräumen angehalten hatten. Ich fuhr weiter und schaffte es tatsächlich ohne Alarm nach Hause.

Es ist deprimierend in diesen Tagen: Müssiggang ist in lebensbedrohlichen Situationen keine Option, aber Arbeiten ist kaum möglich. Meine Motivation erreicht einen Tiefpunkt. Es ist schwer, Sinn in der Arbeit zu erkennen, wenn man sich ständig um seine Sicherheit sorgen muss und wenn die Zukunft völlig ungewiss ist.

Doch noch nervenaufreibender als das Sirenengeheul ist das Auseinanderfallen des gewohnten Rahmens – das Gefühl, dass die Normalität Stück für Stück zerbricht.