Einmal Reis für Hundert Personen bitte

Unsere Jüngste verbringt zehn Tage im Pfadfinder-Sommerlager und wir melden uns, wie viele andere Eltern, freiwillig zum Helfen. Wir ergattern die beliebte Wochenendschicht (8 Stunden) und finden uns am Samstag kurz nach Mittag im Lager ein. Dieses findet unter freiem Himmel statt, denn regnen wird es zu dieser Jahreszeit mit absoluter Sicherheit nicht. Schatten ist hingegen in der Julihitze unbedingt notwendig und deshalb wird die Pfadfinderlagerstadt für die etwa 4000 Pfadfinder in einem lichten Wäldchen aufgebaut. In dem Wäldchen gibt es keine permanenten Gebäude, alles wird aus Pfählen, Seilen und Planen auf- und nach einer Woche wieder abgebaut. Nachdem wir das Haupteingangstor und die entsprechende Sicherheitskontrolle passiert haben, konsultieren wir den mehrfarbigen Plan mit der Aufteilung des Lagers in Sektoren. Der verhältnismässig kleine Stamm unseres Dorfes mit nur knapp 200 Mitgliedern liegt im Wald zuhinterst rechts – zum Glück gibt es ein Shuttletaxi!

An diesem ersten Wochenende befinden sich nur die älteren Zöglinge im Wald, welche das Lager aufbauen. Erst ab Montag treffen die jüngeren Kinder in das fertige Lager ein. Heute gleicht der Wald einem Ameisenhaufen: Überall krabbeln hunderte von Jugendlichen umher. Sie arbeiten mehr oder weniger fleissig inmitten von Bergen von Pfählen und halbfertigen Gebäuden. Als Aussenstehender ist es schwer erkenntlich, ob das Durcheinander hier irgendeinem System folgt, aber erstaunlicherweise steht und funktioniert das Lager mit all seinen Ökonomiegebäuden (Schlafsektor, Duschen, Esssektor, Küche, Spital, etc) nach mehreren Tagen intensiver Aufbauarbeit.


So wie die hier fotografierte Krankenstation sehen auch die Schlafzelte aus. Um das Ganze noch etwas kniffliger zu machen, liegt das Wäldchen an einem Abhang, so dass sehr gut geplant werden muss, wenn man beim Schlafen nicht im Schlafsack den Berg hinunter rollen will. Die Toitoi Toilette zum Beispiel, die ich bald einmal betreten muss, ist nicht sehr gut geplant: das Ding schaukelt bei jeder Bewegung und die bestialisch stinkende Masse im Loch schwappt bedrohlich von Seite zu Seite. Ich ergreife die Flucht und finde ein anderes WC, das auf ebenerem Gelände steht. Auch hier machen die Hitze und die Fliegen den Aufenthalt unerträglich und als ich die Toilette verlasse, empfinde ich die „frische“ Luft draussen trotz brütender Mittagshitze von über 30 Grad als angenehm kühlend.

Als wir eintreffen, steht immerhin die Feldküche – ebenfalls unter freiem Himmel – schon komplett und ist in Betrieb, denn essen müssen die fleissigen Arbeiter. Wir, sechs Erwachsene, werden zum Küchendienst eingeteilt. Für mich ist dies der erste Aufenthalt in einem Pfadilager und ich bin am Ende des Tages sehr überrascht, wie improvisiert hier alles ist. Trotzdem funktioniert alles irgendwie, anfallende Probleme und Zwischenfälle werden spontan und kreativ gelöst. So bin ich nun zum Beispiel umgehend für das Kochen der Madschadara (Reis mit Linsen) zum Abendessen zuständig, weil ich bei der Frage, wer kochen kann, nicht schnell genug weggeschaut habe. Ich weiss zwar wie man Reis kocht – aber für 100 Personen? Die anderen anwesenden Helfer behaupten aber, überhaupt nicht kochen zu können, deshalb hacken sie Zwiebeln und schnippeln Salat, spülen Geschirr und Pfannen, geben Essen aus und räumen Abfall weg. Ausserdem flicken sie den stotternden Kühlschrank, die immer wieder aussetzenden Ventilatoren und begleiten Kinder mit leichten Verletzungen, Mückenstichen oder Hitzschlägen in die Krankenaufnahme.


Nun denn – an die Arbeit! Reis mit Linsen für 100 Personen... Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie ich diese Mengen berechnen soll, aber der Gatte, der zwar nicht Kochen, aber ein bisschen Rechnen kann, hat schon ohne zu Zögern mehrere Kilopakete Reis und Linsen geöffnet, während ich noch immer irgendwie die Mengen einzuschätzen versuche. Auf offenem Gasfeuer und in einem Topf, der etwa so gross ist wie ich selbst brate ich Unmengen von Zwiebeln an und gebe dann die vorher eingeweichten Linsen und den Reis dazu. Weil der Topf jetzt zu zwei Dritteln voll ist wird das Rühren fast unmöglich und bald riecht es nach Angebranntem. Ich überspringe also spontan die Phase des Dünstens und gebe Wasser hinzu. Aber wieviel Wasser? Nachdem ich einige Krüge abgezählt habe, wird mir klar, dass hier zählen sinnlos ist und ich spritze das Wasser direkt mit dem Schlauch in die Pfanne. Dann noch Salz. Wieviel Salz? Keine Ahnung! Weil die Reis/Linsenmasse zu schwer ist und die untere Hälfte des Topfes ja sowieso nicht mehr umgerührt werden kann, kommt es jetzt auf ein bisschen mehr oder weniger auch nicht mehr an. Nun noch etwas mehr Wasser. Und noch ein bisschen Salz. Und dann bleibt nur noch beten! Bald köchelt es und eine knappe Stunde später ist der Reis gar und schmeckt gar nicht so schlecht. Jedenfalls die obere Schicht im Topf, was weiter unten los ist, werden wir hoffentlich gar nie in Erfahrung bringen...

Die "Küche"
Timing ist ein Fremdwort in einem israelischen Pfadilager. Weil unterdessen der Kuchen im Ofen viel länger braucht, als eingeschätzt, bleibt der Reis jetzt erst einmal stehen, bis die vorgekochten aber noch tiefgefrorenen Hühnerbrüste aufgewärmt werden können. Aber schlussendlich stehen die Töpfe mit angebranntem Reis, teilweise aufgewärmtem Fleisch, Salat mit Ameisen und versalzener Tehini auf der Ausgabe. Zum Dessert gibt es Schokoladekuchen aus einem Riesenblech, der auf der einen Seite nur wenige Millimeter hoch und verbrannt und auf der anderen Seite sechs Zentimeter hoch und noch nicht durchgebacken ist, entsprechend der abfallenden Lage des Ofens im Gelände. Aber den hungrigen Jugendlichen, die jetzt aus allen Ecken des Waldes eintreffen, schmeckt es!

Am Ende des Tages verstehe ich, dass das ganze Lager genau so abläuft wie diese Mahlzeit: Pi mal Handgelenk. Eine Welt, die von Kindern regiert und von wenigen Erwachsenen einigermassen in Schach gehalten wird. Kaum etwas ist geplant, aber alles funktioniert. Zwei Wochen später ist der Wald wieder sauber und leer. Alle fahren um einige Erfahrungen reicher nach Hause und wenn das Lager ohne grössere Zwischenfälle verlaufen ist, ist das Ziel erreicht und alle sind glücklich.

Zum Tagesabschluss: Sonnenuntergang am Waldrand

Kommentare

kinder-katzen-kakteen hat gesagt…
Genau so funktioniert hier ja eigentlich alles seit gut 70 Jahren: viel Herzblut, Initiative, kreative Lösungen für jedes auftretende Problem, innovative Idern - aber absolut keine Planung (oder wenn, dann nur, um beim nächsten Hindernis alles umziwerfen und kreativ neu zu starten. Es ist auf allen Ebenen so, vom Pfadfinderlager bis zur Landesregierung...
Yael Levy hat gesagt…
Liebe kinder-katzen-kakteen,
Ja, genau! Daran habe ich auch gedacht: Das Lager ist ein Mikrokosmos für viele andere Systeme in Israel. Nun, da unser Sohn den Militärdienst abschliesst, weiss ich, dass es sogar in der IDF nicht viel anders abläuft...
canadaeinfach hat gesagt…
Pfadilager scheinen überall gleich abzulaufen. Meine Erinnerungen an zwei Bundes-(Pfadi-)lager in der Schweiz - allerdings vor Jahrzehnten - sind ähnlich. Unvergessliche Zeiten mit unbezahlbaren Erfahrungen!
LG Anita
Yael Levy hat gesagt…
Liebe Anita,
Dazu kommt in der heutigen Zeit noch, dass die Jugendlichen fast zwei Wochen lang kaum ihre Handys anruehren. Das ist sensationell!
LG
Yael

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