Jeder Gang nach draussen will gut überlegt sein. Outdoor-Aktivitäten verschieben wir – wie jedes Jahr – auf die kühleren Monate.
Am Freitagabend kommen Sivan und Joni zum Schabbatessen. Ich habe mehrere Gerichte gekocht, meine Schwiegermutter bringt ihr traditionelles irakisches Fischgericht mit. Die Gespräche drehen sich fast ausschliesslich um Sivans immer runder werdenden Schwangerschaftsbauch. Wir sprechen über Kinderwagen, Karriereansprüche, Rollenverteilung, und über all die Pläne, die werdende Eltern schmieden. Sie wissen noch nicht, dass nach der Geburt des ersten Kindes alles anders sein wird.
Trotz der entspannten Stimmung lassen mich die aktuellen Nachrichten aus der spanischen Exklave Ceuta nicht los. Zehntausende Menschen aus Nordafrika haben versucht, schwimmend die Grenze zu dem winzigen spanischen Territorium zu überwinden. Manche haben Schwimmreifen dabei, sie schwimmen in Unterwäsche oder ihren Kleidern. Die Bilder zeigen erschöpfte junge Männer, die barfuss und mittellos an Land kommen. Die Grenze bricht faktisch zusammen. In Ceuta wird der nationale Notstand ausgerufen. Es gibt erste Berichte, dass Menschen im Meer ertrunken sind. In den Medien folgen umgehend Debatten über Migration, Grenzen und Souveränität.
Ein kurzes Interview erschüttert mich besonders. Ein vielleicht sechzehnjähriger Marokkaner sagt in gebrochenem Englisch: "Marokko … schlecht. Keine Arbeit. Kein Geld. Keine Hoffnung." Als er erfährt, dass die Ankommenden wieder nach Marokko zurückgeschickt werden, weicht der kurze Hoffnungsschimmer sichtbar der Verzweiflung. Auf die Frage nach seiner Familie erzählt er, dass seine Mutter ihn in seinem Vorhaben – der Flucht – unterstützt habe.
Dieser Satz trifft. Wie hoffnungslos muss eine Mutter sein, um ihren kaum erwachsenen Sohn auf so einen Weg zu schicken – ahnend, dass sie ihn vielleicht nie mehr wiedersehen wird? Offenbar erscheint selbst diese Möglichkeit erträglicher als die Zukunft, die ihn zu Hause erwartet.
Zum Dessert essen wir eine fantastische Crèmeschnitte.
Unser Abend wird zusätzlich von der Nachricht überschattet, dass Jonis Vater in Athen einen Motorradunfall hatte. Zum Glück ist er nicht lebensgefährlich verletzt. Zum Glück hat er eine Familie, die es sich leisten kann, am nächsten Tag spontan hinzufliegen.
Während ich diese Zeilen schreibe, dürften die meisten Menschen aus Ceuta bereits wieder nach Marokko abgeschoben worden sein. Zurück in ein Leben, das sie verzweifelt hinter sich lassen wollten. Zurück in ihrem perspektivenlosen Alltag, mit zerschlagenen Hoffnungen. Die Zahl der Ertrunkenen steigt noch. Die Bilder aus Ceuta und die Hintergründe, die zu solchen humanitären Katastrophen führen, beschäftigen mich zutiefst.
Die Menschen in Nordafrika handeln aus Ohnmacht. Auch Staaten können ohnmächtig sein, wenn Ereignisse ausser Kontrolle geraten. Auch ich fühle mich ohnmächtig.
Doch eines bleibt uns: Mitgefühl zu bewahren und Menschen zu bleiben.
2 Kommentare:
Wie recht du doch mit deinem neusten Beitrag hast 😢
Vielen Dank! Es ist immer beruhigend zu erfahren, dass man nicht alleine vor sich hin grübelt. 😊
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